Rotenburger Kreiszeitung vom 13.05.2009
Klamt zieht’s nach Berlin
Zehn Jahre gehörte Ewa Klamt dem EU-Parlament an / zu Guttenberg in Stade
Rotenburg (sf). Für die Europaabgeordnete Ewa Klamt aus Gifhorn war es Antritts- und Abschiedsbesuch in einem. Gestern Morgen machte die Parlamentarierin, die nach zehn Jahren Arbeit in Brüssel und Straßburg, sich im September um ein Mandat im Bundestag bewirbt, der RK-VN-Redaktion im Rotenburger Pressehaus ihre Aufwartung. In ihrer Begleitung CDU-Kreisvorsitzender Albert Rathjen aus Bremervörde und Gesa Abel aus Stade, die das Klamt-Büro in der Stadt an der Unterelbe leitet – und gern den Platz ihrer Chefin in Europa einnehmen würde.
Während Klamts Einzug in den Bundestag mit Platz 15 auf der CDU-Landesliste (ein Platz vor dem Rotenburger Reinhard Grindel) als sicher gilt, sind die Aussichten Abels auf einen Platz im Europaparlament deutlich schlechter. Sie wurde als Spitzenkandidat/in im Bezirk auf Platz 6 der Landesliste eingereiht. Zurzeit verfügt die Niedersachsen-CDU über fünf Abgeordnete in Brüssel, zwei haben die Sozialdemokraten, je einen die Grünen, FDP und Linke. Und dennoch stellt sich die gelernte Juristin mit Auslandserfahrung in Dublin ihrer Kandidatin mit Verve und durchaus kompetent. In den zurückliegenden Jahren hat sie das eine ums andere Mal ihre Chefin vertreten müssen, wenn es galt, Brüsseler Entscheidungen vor Ort bei Landwirten und Unternehmern zu vertreten. Bei angesetzt 42 Sitzungswochen im EU-Parlament (Klamt: „In 2008 waren es de facto 46.“) bleibt den Abgeordneten nur wenig Zeit für die Arbeit zu Hause. Wahlkreise gibt es nicht, Ewa Klamt musste die Region im Norden mit zwei Millionen Einwohnern in zwölf Landkreisen und der Stadt Wolfsburg betreuen. Ihre Büros in Gifhorn und eben Stade mussten da häufig einspringen.
Ewa Klamt MdEP hat Daten und Fakten aus ihren beiden Legislaturperioden in Brüssel (300 Sitzungswochen) und Straßburg (120 Sitzungswochen) zusammengetragen. 9000 Gäste hat sie in den zehn Jahren betreut. Selbst betreut, von der Buchung der Hotels bis hin zum Gang auf die Parlamentstribüne. Zwar gebe es auch einen Besucherdienst, doch der kümmere sich ausschließlich um Gäste, die sich direkt in Brüssel anmeldeten. Einblicke in die Parlamentsarbeit gewannen in der Zeit aber auch 52 Praktikanten. Sie selbst habe sich immer als „Drehscheibe“ gesehen. Kontakte vermittelt und Gesprächspartner besorgt und informiert, wenn es, wie beim angeblichen Verbot von Salz im Brot zu Irritationen in der Bäckerschaft kam. Die Verunsicherung konnte aufgelöst werden, an ein Salzverbot war nie gedacht, nur die Werbung mit dem Attribut „gesund“ sollte unterbleiben. Der geharnischte Protest bewirkte aber eine Ausnahmeregelung in der EU-Verordnung – und die Welt war wieder im Lot. Überhaupt, sagt Ewa Klamt, sollte man rechtzeitig reagieren, wenn in der EU Regelungen diskutiert würden, die letzlich ganze Wirtschaftszweige lahm zu legen drohten. Beispiel: Pestizidverbot. Hätten sich die Harmonisierung ausgerichteten Gedankenspiele durchgesetzt, der Kartoffelanbau beispielsweise wäre in Deutschland nicht mehr möglich gewesen. Im übrigen sollte man seinen berechtigten oder unberechtigten Zorn nicht auf die Kommission fokussieren. Die setze in der Regel nur das um, was die Ministerräte vorgäben.
Deutschland stellt 99 EU-Parlamentarier – aus fünf Parteien, die durchaus auch schon mal an einem Strang ziehen, wenn nationale Interessen auf dem Spiel stehen. Klamt: „Jeder vertritt hier knallhart die Interessen seines Landes.“ Die Idee, Altautos ihren Herstellern zurückzugeben, wurde Partei übergreifend zurückgewiesen. Hätte jeder seinen eigenen Vorschlag zur Abstimmung gestellt, wäre kaum eine qualifizierte Mehrheit (50 Prozent der Abgeordneten plus einer) kaum zu erreichen gewesen. Übrigens: Bei den Abstimmungen müssen die Parlamentarier nicht zwingend anwesend sein; geht auch gar nicht, sagt KLamt, denn der Sitzungskalender weise viele parallele Sitzungen aus.
Bei aller Attraktivität der Aufgabe: Zehn Jahre Abgeordnete in Brüssel bedeuteten auch zehn Jahre „bedingtes Familienleben“, blickt Ewa Klamt zurück. Auch darum habe sie der Bitte ihres CDU-Kreisverbandes entsprochen, für den Bundestag zu kandidieren – auch, um in Berlin ihr Wissen um Europa einzubringen…
Albert Rathjen bedauert, dass es vor der Europawahl am 7.Juni keine größere Parteiveranstaltung im Landkreis Rotenburg geben wird. Er weist auf den Besuch von Wirtschaftsminister zu Guttenberg am 3. Juni, 19 Uhr, im Stadeum in Stade hin.

Gesa Abel (li.) möchte ihre Noch-Chefin Ewa Klamt gern als
Europaabgeordnete „beerben“; CDU-Kreisvorsitzender Albert
Rathjen sicherte Unterstützung zu. (Foto: Franke)
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