Zevener Zeitung vom 10.05.2010
Das Volk muss Verzicht üben
CDU-Bezirksparteitag in Selsingen: Mahnende Worte der Redner in Sachen Schulden und Afghanistan
SELSINGEN. Finanzielle Kraftakte bei
leeren Kassen in Bund, Land und
Kommunen, die unsäglichen Diskussionen
um den Einsatz deutscher
Soldaten im Krisengebiet Afghanistan
sowie die mit Enttäuschung zur
Kenntnis genommene Kabinettsumbildung
von Niedersachsens Ministerpräsident
Christian Wulff waren
am Sonnabend die beherrschenden
Themen auf dem CDU-Bezirksparteitag
in Selsingen.
Neben harter Kritik an der Opposition übten sich die Christdemokraten
aus dem Elbe-Weser-Dreieck
zwar keineswegs in Zufriedenheit
oder Selbstgefälligkeit.
Dennoch aber sahen sie die gemeinsam
mit ihrem liberalen Koalitionspartner
gestaltete Politik
auf einem guten Weg, der jedoch
auch künftig mit immer mehr
Hindernissen gepflastert sein werde.
„Wir haben nicht nur gute Beschlüsse
gefasst, sondern auch bei
den Wahlen überaus erfreulich
abgeschnitten“, sagte Enak Ferlemann
im „Selsinger Hof“. Der
Vorsitzende des CDU-Bezirksverbandes
Stade für den Elbe-Weser-
Raum und Parlamentarische
Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium
wies dabei besonders
auf das gute Abschneiden
der Christdemokraten bei der Europawahl
hin. Dennoch habe
man sich bei der Bundestagswahl
ein besseres Ergebnis gewünscht. „Wir haben zwar unsere Wunschkoalition
mit der FDP geschafft,
nicht jedoch die erhofften 40 Prozent
der Wählerstimmen“, bedauerte
der Unionspolitiker aus Cuxhaven.
Dass die SPD praktisch in der „Bedeutungslosigkeit“ verschwunden
sei, gestalte die Verantwortung
der CDU noch größer. „Natürlich wollen auch wir
Erleichterungen für unsere Mitbürger
und die Steuerprogression
abschaffen. Aber wir müssen die
Sache mit Augenmaß angehen“,
mahnte Ferlemann. Gerade im
Hinblick auf den demografischen
Wandel könne nur das verteilt
werden, was auch tatsächlich vorhanden
sei. Aus seiner Enttäuschung über die Kabinettsumbildung
in Niedersachsen machte
der Bezirksvorsitzende keinen
Hehl: „Heiner Ehlen und Mechthild
Ross-Luttmann waren zwei
tolle Minister, die in unserer Region
deutliche Spuren hinterlassen
haben“. Danach erhoben sich die
Mitglieder von ihren Sitzen und
feierten Hans-Heinrich Ehlen sowie
die nicht anwesende Mechthild
Ross-Luttmann minutenlang
mit stehenden Ovationen. Ferlemann
hob anschließend die Bedeutung
des neuen Aufgabengebietes
von Dr. Martina Krogmann
hervor, welches er als „Scharnier
zwischen Landes-, Bundes- und
Europapolitik“ bezeichnete.
Danach ließ der Cuxhavener
eindeutig-zweideutig seinen
Charme spielen: „Als Staatssekretärin
und Bevollmächtigte des
Landes Niedersachsen ist Martina
Krogmann ein im wahrsten
Sinne des Wortes schönes Aushängeschild
unserer Region“.
Dann wurde der CDU-Politiker
wieder ernst: „Wir gehen schweren
Zeiten entgegen“, prophezeite
er. Aber: Die Konsolidierungsmaßnahmen
in Bund, Länder
und Kommunen seien dringend
notwendig und würden den Verbraucher
künftig in mancherlei
Hinsicht zum Verzicht zwingen.
Daran, das man in Deutschland
künftig
den Gürtel enger
schnallen
müsse, ließ auch Michael
Grosse-Brömer
keinen Zweifel.
Zum Einsatz
deutscher Soldaten in Afghanistan
sagte Grosse-Brömer: „Man
sollte weniger über den Krieg philosophieren
und auch nicht über
die Entsendung junger Frauen
und Männer dorthin aus parteitaktischen
Gründen lamentieren“.
Vielmehr müsse man sich
stattdessen bewusst sein, welch
schlimme Folgen solche Einsätze
nach sich ziehen könnten.
Grosse-Brömer kritisierte vor
dem Hintergrund des vom Generalbundesanwalt
längst entlasteten
Oberst Klein vor allem „künstlich am Leben erhaltende
Untersuchungsausschüsse“, wo
sie einfach nicht mehr erforderlich
seien. Zur Wirtschaft: Den
Chancen der Globalisierung stünden
Risiken durch internationale
Vernetzungen gegenüber. Als Beispiel
nannte er die durch Finanzjongleure
verursachten und später
notwendig gewordenen staatlichen
Unterstützungen von Banken.
Wichtig sei in diesem Zusammenhang
eine gewisse Transparenz
des politischen Handelns. „Die Politik muss in solchen Situationen
nicht nur angemessen
reagieren, sondern den Menschen
ihre Handlungsweise auch erklären
können“, forderte der Justiziar.
Diese Art der „verantwortungsvollen
Politik“ jedoch werde
immer komplexer und finde immer
weniger eine Unterstützung
in der der Bevölkerung. „Deshalb
ist es umso wichtiger, dass wir
unsere Entscheidungen entsprechend
glaubwürdig darstellen“,
forderte Grosse-Brömer. Weiteres über den Parteitag in unserer
nächsten Ausgabe. (bz/mg)

CDU-Bezirksvorsitzender Enak Ferlemann redete nicht nur dem Parteivolk ins Gewissen. Foto: bz/mg
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